Opel Astra Sports Tourer: Zu wenig Ladeleistung, zu wenig Punch – Golem

Opel Astra Sports Tourer
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Opel überarbeitet den Astra inklusive Kombi-Version. Es ist ein Modell voller Kompromisse und alles andere als ein Glanzlicht der Elektromobilität.

Eigentlich liefert jedes E-Auto auf den ersten Metern einen sportlichen Sprint. Damit ist man selbst in einem Kleinwagen an der Ampel als Erster weg. Doch dem überarbeiteten Astra Sports Tourer fehlt der Punch, dem Begriff „Sports“ wird er nicht gerecht.

Dabei ist der Kombi mit 115 kW beim Frontmotor und 270 Nm Drehmoment nicht untermotorisiert. Bis zu 170 km/h kann das E-Auto fahren. Doch aus dem Stand dauert es geschlagene 9,5 Sekunden, bis der Tacho Tempo 100 zeigt.

Der Kavalierstart mag unwichtig sein, doch auf der Landstraße bei Tempo 80 zu wissen, dass wir zügig beschleunigen könnten, um einen Vorausfahrenden sicher zu überholen, wäre ein beruhigender Gedanke.

Doch hier enttäuscht der M3-Hybrid-Synchronmotor von Stellantis. Der E-Motor kombiniert Permanentmagnete im Rotor mit einer elektrischen Erregung. Es werden weniger Magnete benötigt, es kann kompakter gebaut und das elektrische erregte Magnetfeld an den Lastbedarf angepasst werden.

Opel Astra Sports Tourer

Leichter machen

Gewicht spielt beim Beschleunigen eine Rolle. Dabei ist der Sports Tourer mit 1.765 kg nicht übergewichtig. Doch im Vergleich zum Plug-in-Hybriden ist die Elektroversion rund 300 kg schwerer. Dabei haben die Opel-Ingenieure schon einen kritischen Blick auf das Gewicht des E-Autos geworfen.

Das führt zu skurrilen Ergebnissen bei der Sitzeinstellung. In der Ultimate-Ausstattung werden Sitzhöhe und Rückenlehne elektrisch verstellt. Doch vor und zurück geht es nur manuell. Das spart einen Motor.

Auf der anderen Seite sind die Frontsitze beheizt beziehungsweise belüftet und bieten eine Massagefunktion. Da fällt die manuelle Sitzverschiebung etwas aus der Rolle.

Das Glasschiebedach gibt es optional (1.200 Euro). Es macht den Wagen natürlich schwerer. Zwar bietet Opel eine Anhängerkupplung (775 Euro), doch beim Sports Tourer lässt sich damit lediglich ein Fahrradträger für bis zu 60 kg anhängen.

Falsche Plattform

Die Ursache für die vielen Kompromisse liegt in der Wahl der Plattform. Opel hat sich für die dritte Generation der EMP-2-Plattform entschieden. Sie wurde 2013 erstmals von der PSA-Gruppe genutzt.

Stellantis baut auf der Plattform Verbrenner, Plug-in-Hybride und E-Autos. Der Verzicht auf einen Stauraum unter der Fronthaube dürfte auf die Plattformwahl zurückgehen. Dabei verfügt Opel mit STLA Medium über eine zeitgemäße Plattform für E-Autos. Sie kommt im Opel Grandland zum Einsatz. STLA Medium ist auch für das kompaktere C-Segment des Astra Sports Tourer gedacht. Warum sich Stellantis dagegen entschieden hat, bleibt unklar.

Aus Kadett wird Astra

Opel betont bei der Fahrveranstaltung in Kroatien, wie wichtig das C-Segment für die Marke sei. Dies ist bereits die zwölfte Astra-Generation. Seit 1991 wurden rund 14 Millionen Stück verkauft. Die Kompaktklasse feiert in diesem Jahr ihr 90. Jubiläum.

Den Anfang machte 1936 der Kadett. Er gehörte zu den ersten Modellen mit einer selbsttragenden Stahlblechkarosserie. Auf den bis dahin üblichen Rahmen wurde verzichtet.

Ein Kadett ist ein junger Offiziersanwärter, also der Nachwuchs. Das wollte Opel mit dem Modellnamen deutlich machen. Doch den britischen Managern bei der Schwestermarke Vauxhall war das 1980 zu altbacken. Sie tauften den Kadett D in Astra (Sterne) um. Opel folgte dem Beispiel elf Jahre später.

Opel Kadett A

Moderater Verbrauch

In der aktuellen Überarbeitung erhöht Opel die Batteriekapazität um vier Kilowattstunden auf 58 kWh. Damit soll der Sports Tourer bis zu 445 km (WLTP) weit kommen. Der Verbrauch wird mit 15,6 kWh auf 100 km angegeben.

Bei unserer Fahrprobe über hügelige Landstraßen rund um die kroatische Stadt Split liegt die Anzeige bei 15,3 kWh. Rechnerisch sind damit 380 km möglich. Der moderate Verbrauch ist die andere Seite der Medaille. Der kritische Blick auf das Gesamtgewicht und die Wahl einer kleinen und damit nur 345 kg wiegenden Batterie bietet auch Vorteile.

Schwache Ladeleistung

Bei der Ladeleistung liegt das E-Auto bei maximal 100 kW am Schnelllader. Aus kosmetischen Gründen greift Opel zur Angabe von 32 Minuten für 20 bis 80 Prozent Batteriekapazität. Die meisten anderen Hersteller geben für bessere Vergleichbarkeit die Ladedauer von 10 bis 80 Prozent an.

Vermutlich steht beim Sports Tourer für diesen Ladehub eine Vier an erster Stelle der Minutenangabe. Das ist im Wettbewerb nicht mehr zeitgemäß.

Leider fällt auch die Rekuperationsleistung zu gering aus. Über Schaltwippen am Lenkrad lassen sich drei Stufen der Motorbremse einstellen. Doch die Abstimmung der Bremsleistung zwischen erster und dritter Stufe weist kaum einen spürbaren Unterschied auf. Zu einem vollständigen Stopp kommt der Astra Sports Tourer nicht (One Pedal Drive).

Zu kleine Bildschirme

Eine Ladeplanung von Split nach München sieht für die 864 km lange Strecke vier Ladestopps vor. Als Gesamtladedauer werden 2 Stunden 22 Minuten angegeben. Die jeweilige Ladeleistung der Stationen wird angezeigt, die Belegung der Anschlüsse nicht. Wählen wir dagegen Ladepunkte in der Umgebung, ist auch die Auslastung Teil der Informationen.

Das Fenster mit den Daten der einzelnen Ladepunkte fällt auf dem Touch-Bildschirm mit einer Diagonale von 10 Zoll extrem klein aus. Hier dürfte zumindest der Bildschirm in der Mitte größer sein. Opel verwendet bei beiden Bildschirmen eine 10-Zoll-Diagonale. Die Bildschirme sitzen in einem breiten schwarzen Rahmen, wodurch sie kleiner wirken.

Lob gibt es dagegen für die Smartphone-Nutzung bei der Navigation: Die Navigationsanzeigen vom Smartphone werden in das Head-up-Display übernommen. Das machen längst nicht alle Hersteller. Oft lässt sich für Navigationsanzeigen nur das System des Infotainmentsystems nutzen. Apple Car Play und Android Auto lassen sich kabellos verwenden.

Opel Astra Sports Tourer Kofferraum

Bedingtes Vorkonditionieren

Für die volle Ladeleistung benötigt die Batterie ein bestimmtes Temperaturfenster. Die meisten Hersteller erreichen das mithilfe eines Heizsystems in der Batterie (Vorkonditionierung). Das gibt die EMP-2-Plattform nicht her.

Es gibt nur ein Heizsystem für Innenraum und Batterie. Somit findet eine Vorkonditionierung nur an der heimischen Wallbox (11 kW) oder am Schnelllader statt. Das bedeutet jedoch, dass bei Ladebeginn ein Teil der Energie für das Erwärmen der Zellen benötigt wird. Mit einem Adapter im Ladeanschluss gibt der Astra Sports Tourer Energie ab (V2L). Damit können Kaffeemaschine, Elektrogrill oder E-Bike versorgt werden.

Stufe im Boden

Ein Kombi ist ein Familienauto. Da muss viel hineinpassen. Der Astra Sports Tourer ist 4,64 m lang, 1,86 m breit und 1,50 m hoch. Der Wendekreis liegt bei 10,70 m. Der Kofferraum bietet 516 Liter Stauraum. Wird die Rücklehne umgeklappt, sind es 1.533 Liter.

Auf der Rückbank bleibt bei einem Radstand von 2,73 m nur wenig Beinfreiheit. Fährt der Beifahrer seinen Sitz ganz zurück, stößt er mit seinen Füßen gegen eine Stufe im Boden, wenn er die Beine anzieht. Das gilt auch für den Fahrer, doch hat der in der Regel die Beine ausgestreckt.

Bei der Innenausstattung verzichtet Opel auf glänzenden Klavierlack. Stattdessen bedeckt silbergraues Plastik etliche Elemente der Mittelkonsole und des Armaturenbretts. Leider wirkt die Material-Kombi nicht sehr hochwertig. Der Klopftest auf dem Plastik verstärkt den ersten Eindruck einer günstigen Ausstattung.

Opel Astra Sports Tourer Routenplanung

Leuchtender Kompass

Wie schon bei der Vorgängerversion bietet Opel in der Aktualisierung ein optionales Matrix-HD-Licht mit über 25.000 Pixeln pro Scheinwerfer. Somit stehen etwas mehr als 50.000 Bildpunkte zur Verfügung, um ein Begrüßungsszenario abzuspielen.

Erkennt das System keine Straßenlaternen, wird ab Tempo 55 km/h automatisch das Fernlicht aktiviert. Dabei öffnet sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Lichtvorhang vor dem Fahrzeug. In Kurven schwenkt der Lichtkegel mit dem Fahrbahnverlauf. Vorausfahrende und entgegenkommende Fahrzeuge werden regelrecht ausgeschnitten. Die entsprechenden Lichtpixel, die andere Fahrer blenden würden, werden abgeschaltet.

Mit 2.000 Lumen lassen sich laut Hersteller bei Tempo 80 km/h Objekte auf der Straße 30 bis 40 Meter früher erkennen. Bei einer Abendrunde fällt auf, dass reflektierende Straßenschilder nicht so stark blenden wie gewohnt. Außerdem wird der linke und rechte Bereich vom Fahrzeug ausgeleuchtet, was hilft, Radfahrer, Fußgänger oder Tiere am Fahrbandrand zu erkennen. Bei unserer Proberunde war so noch deutlich zu sehen, dass vor uns ein Wolf die Fahrbahn überquerte und im Unterholz Schutz suchte.

Opel Astra Sports Tourer

Blitz als Kompassnadel

Eine weitere Erkenntnis der Runde im Dunkeln: Wir erkennen entgegenkommende Opel-Fahrzeuge. Fast alle Hersteller wetteifern bei der Beleuchtung in Front und Heck um möglichst eindeutige Lichtsignaturen sowie beleuchtete Logos.

Opel lässt beim Astra Tag und Nacht den weißen Blitz in der Front leuchten. Umgeben ist er von einem horizontalen Lichtband über die gesamte Breite. Zusätzlich sorgen kurze senkrechte Linien über und unter dem Logo für den Eindruck eines Kompasses.

Dabei wird der Blitz zur Kompassnadel in Ost-West-Richtung. Opel selbst spricht vom Kompass, bleibt aber eine Herleitung beziehungsweise Deutung des Designs schuldig. Doch das Ziel der Wiedererkennbarkeit wird erreicht.

Opel Astra Sports Tourer

Lernen von der Formel E

In der Zweifarblackierung mit schwarzem Dach und kleegrüner Karosserie sowie den aerodynamischen Felgen auf 18 Zoll Reifen wirkt der Kombi von außen recht modern. Die Opel-Manager zeigen sich stolz, dass in dem internationalen Multi-Marken-Konzern dieses Fahrzeug in Deutschland entworfen, entwickelt und auch gebaut wird.

Der Astra rollt im Rüsselsheimer Stammwerk vom Band. Preislich beginnt er bei 37.990 Euro für den Astra Electric als Fünftürer. Der gefahrene Astra Sports Tourer mit Ultimate-Ausstattung liegt bei 44.860 Euro.

In der kommenden Saison fährt Opel in der Formel E um Podiumsplätze mit. Hoffentlich profitieren kommende Astra-Generationen von einem Technologietransfer aus der elektrischen Rennserie.

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