Humanoide Roboter in der Autoindustrie: BMW testet Einsatz in USA und Deutschland

Aeon von Hexagon bei BMW im Einsatz
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BMW testet den Einsatz humanoider KI Roboter in der Produktion. Ob sie klassische Industrieroboter verdrängen können, ist noch offen.

Man hört ihn kaum kommen. Leise rollt Aeon über den Holzboden und bleibt vor dem Publikum stehen, die Arme leicht angewinkelt. Wo der Mensch sein Gesicht hat, leuchtet auf einem Bildschirm eine weiße senkrechte Linie. Was soeben in der fünften Etage des BMW Talent Campus in München beinahe beiläufig in den Raum fährt, ist für den Autobauer mehr als nur Show: Der humanoide Roboter soll perspektivisch Aufgaben übernehmen, die bislang Menschen oder spezialisierten, fest installierten Industrierobotern vorbehalten sind. Wir beleuchten bei einem Firmenbesuch auch, wie Menschen als Mitarbeiter damit umgehen.

Statt auf zwei Beinen bewegt sich der ansonsten humanoide Roboter auf Rollen. „Tempo und Wendigkeit sind die Gründe“, sagt Arnaud Robert, Präsident von Hexagon Robotics. Das Unternehmen gehört zum schwedischen Hexagon-Konzern, der auf Vermessung, digitale Zwillinge und automatisierte Steuerung spezialisiert ist. Mit Aeon prüft BMW, ob sich flexible, lernfähige „Physical AI“ in bestehende Produktionslinien integrieren lässt – also dort, wo klassische Roboterarme zwar schnell und präzise, aber eben unbeweglich sind.

Vorführung von AEON bei BMW
Arnaud Robert leitet die Robotics-Abteilung von Hexagon in der Schweiz, Aeon, Milan Nedeljkovic übernimmt im Mai 2026 die Position als CEO bei BMW, Michael Nikolaides ist Leiter BMW Group Produktionsnetzwerk und Logistik (vlnr)

Der rollende Roboter

Der Name Aeon ist vom griechischen Aion für Ewigkeit oder Zeitlosigkeit abgeleitet. „Außerdem lässt es sich einfach aussprechen“, sagt Robert. 2,5 Meter pro Sekunde schnell ist der Roboter auf seinen Rädern unterwegs, also so flott wie ein Jogger. Doch entscheidend ist nicht Tempo oder Namensgebung, sondern ob sich ein solches System wirtschaftlich in den Serienbetrieb einfügt – und ob die versprochene neue Flexibilität der Automatisierung in der Praxis tatsächlich trägt.

Unter dem Dach des Talent Campus entsteht derzeit das „Center of Competence for Physical AI in Production“. Ingenieure und Wissenschaftler sollen Möglichkeiten für künstliche Intelligenz in den weltweit 30 Produktionsstandorten des Herstellers ausloten. Heute hat noch ein weiterer Roboter seinen Auftritt. Auf vier Beinen nähert sich Spotto dem Publikum. Das Hyundai-Tochterunternehmen Boston Dynamics stellt den Roboter im Hundeformat schon länger her. Bei ihnen heißt er Spot. BMW hat den Hunderücken mit allerlei Sensoren bestückt. „Bei uns vermisst er millimetergenau unsere Produktionsstandorte, um daraus digitale Zwillinge zu erstellen“, sagt Michael Nikolaides, Senior Vice President Produktion Network und Logistics bei BMW.

Aeon in BMW Werk
Aeon wird im BMW Werk-Leipzig zusammen mit Menschen arbeiten

Figure 02 legt Blechteile ein

Eigentlich fehlt noch ein Dritter im Roboterbund. Der „02“ ist ebenfalls ein humanoider Roboter, vom erst 2022 gegründete Unternehmen Figure AI produziert. Es hat seinen Sitz in Sunnyvale, Kalifornien. Zwei Exemplare von Figure 02 haben bereits einen zehnmonatigen Praxiseinsatz im US-Werk von BMW in Spartanburg, South Carolina, hinter sich. Dabei haben sie 90.000 Blechteile für einen Schweißprozess millimetergenau platziert. In ihren 1.250 Betriebsstunden waren sie an der Fertigung von 30.000 BMW X3 beteiligt. BMW plant in den USA einen Zuwachs von Robotern, mag aber noch keine Details nennen.

BMW ist nicht der einzige deutsche Autobauer, der humanoide Roboter erprobt: Mercedes-Benz testet seit Frühjahr 2025 den humanoiden Roboter Apollo des US-Herstellers Apptronik auf seinem Digital Factory Campus in Berlin-Marienfelde. Der Roboter arbeitet in der Logistik und transportiert Komponenten vom Lager an die Produktionslinie. Audi hat bislang keinen humanoiden Roboter in der Fertigung präsentiert. Doch gemeinsam mit VW untersuchen die Ingolstädter die Einsatzbereiche. Intern sprechen sie von KI-Robotern. Denn vom Hype der menschlichen Form will sich Audi-Produktionsvorstand Gerd Walker nicht leiten lassen, wie er im Gespräch mit c‘t sagt.

Aeon Hexagon BMW
Aeon hebt Batterieabdeckungen im BMW Werk in Leipzig an

Im Gespräch sieht Arnaud Robert den Grund für die humanoide Form von Aeon in der Zusammenarbeit mit dem Menschen. „Der Roboter lernt durch Menschen, indem dieser Bewegungen vorgibt. Für den Operator ist es einfacher, wenn der Roboter einen vergleichbaren Bewegungsapparat hat“, so Robert. In der Autoindustrie sind Roboter nichts Neues. Seit über 50 Jahren arbeiten Industrieroboter in den Fertigungshallen. Anfang der 1970er Jahre gelang den Ingenieuren ein Durchbruch. Bis dahin hatten Roboterarme ein sehr eingeschränktes Bewegungsspektrum und die hydraulischen Systeme verloren im Dauerbetrieb häufig Flüssigkeit.

Dann kamen elektrisch angetriebene Systeme mit mehr Achsen auf den Markt. Kuka aus Augsburg präsentierte 1973 den KR Famulus mit sechs Achsen. Gleiches ließ der Name IRB 6 vermuten, doch der Roboterarm von ABB verfügte nur über fünf Achsen. Er war damals allerdings eine Sensation für das automatisierte Schweißen oder Lackieren. Heute dominieren Roboterarme jedes Presswerk und die Karosseriemontage aller Autohersteller. Dabei erfüllt jeder Arm nur eine einzige Aufgabe, abgesperrt hinter einem Gitterzaun und fest am Boden montiert.

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