
BYD bringt seine Oberklasse-Marke Denza nach Deutschland. Den Anfang macht der Z9 GT im Taycan-Preissegment.
Auf der deutschen Webseite von Denza driftet der James-Bond-Darsteller Daniel Craig im Z9 GT auf einer Waldlichtung im Kreis. Der Schauspieler dürfte ausreichend Erfahrung haben, um selbst Hände am Lenkrad und Fuß auf dem Fahrpedal zu haben, ohne das Heck ausbrechen zu lassen. Allen anderen hilft der automatische Drift Mode: Ein Knopfdruck und der Wagen dreht sich ohne weiteres Zutun zügig im Kreis.
Der Z9 GT ist das perfekte Angeberauto. Doch auf dem Parkplatz eines Baumarkts vor den Toren Hamburgs fehlen uns Mut und Raum, den Drift Mode auszuprobieren. Wir wählen eine Nummer kleiner, das sogenannte Zirkeldrehmanöver.
Das E-Auto ist mit drei Motoren ausgestattet. In der Front arbeitet ein 230-kW-E-Motor. Im Heck sind es zwei Motoren mit jeweils bis zu 310 kW. Die Systemleistung liegt bei 850 kW. Davon benötigen wir nur einen Bruchteil für das Manöver. Die beiden Heckmotoren drehen die Räder in entgegengesetzte Richtungen. Das ermöglicht quasi ein Wenden auf der Stelle.
Belastung für die Reifen
Mit dem Finger legen wir auf dem zentralen Bildschirm fest, wie weit der Wagen wenden soll. Wir entscheiden uns für 360 Grad. Auf dem gepflasterten Parkplatz müssen die Reifen kräftig arbeiten, was im Innenraum deutlich zu hören ist.
Nach dem Wenden ist auch gut zu sehen, dass wir reichlich Gummi eingebüßt haben. Das ist keine Funktion für den Alltag, doch wer in einer engen Sackgasse das Wenden in sechs Zügen scheut, hat eine praktische Hilfe. Das 5,18 m lange Fahrzeug benötigt nur 5,35 m für den Wendekreis.
Fahren wie ein Krebs
Eine weitere technische Spielerei ist der Krebsgang oder in diesem Fall die Krebsfahrt. Bei dem Schrägfahrmanöver bewegt sich das Auto in einem Winkel von 8,5 Grad in einer Diagonale durch ein gedachtes Rechteck.
Warum? Die Antwort müssen wir schuldig bleiben. Uns fällt keine Fahrsituation ein, in der das einen Vorteil haben könnte – außer vielleicht, wenn man das Fahrzeug schräg in eine Parklücke manövrieren möchte. Hierbei ist der Reifenabrieb geringer.

Luftkissen gegen Fliehkräfte
Wir verlassen den Parkplatz und fahren auf die Autobahn. Die Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h lässt sich am Testtag im Großraum Hamburg nicht ausprobieren. Aber ein Überholmanöver nach Druck auf den roten Boost-Knopf hinter dem Lenkrad vermittelt ein gutes Gefühl für die Motorleistung.
Aus dem Stand benötigt der Z9 GT 2,7 Sekunden auf 100 km/h. Bei sportlicher Fahrt halten aufblasbare Seitenwangen den Fahrer im Sitz. Praktisch, doch ist die Funktion in unserem Testwagen so eingestellt, dass sich die seitlichen Luftkissen auch bei einer Kurvenfahrt mit 20 km/h über den Parkplatz aufblasen. Das sollte im Menü erst ab höheren Geschwindigkeiten zugelassen werden.
Lidar im Dach
Wir rollen im Autobahnverkehr mit. Auch der Fahrassistent macht auf Anhieb, was er soll. Er hält Tempo und Abstand, allerdings unterstützt er nicht beim Spurwechsel.
Das überrascht, weil im Dach sichtbar ein Lidar-Sensor verbaut ist. Wie Denza den nutzt und ob später ein Level-3-Assistent freigeschaltet werden kann, ist unklar. Beim Spurwechsel könnte die passende Menüeinstellung fehlen.
Das Bildschirmmenü ist umfangreich und während einer kurzen Testfahrt nicht vollständig zu durchdringen. Für die schnelle Auswahl bietet Denza frei wählbare Kacheln, die wir mit einem Fingerwischen von oben nach unten in den 17,3 Zoll großen Bildschirm ziehen. Hier lässt sich auch der Tempowarner (SLW) mit einem Fingertipp deaktivieren.

Digitale Spiegel
Die Route zeigt das Head-up-Display vor der Fronthaube schwebend an. Der Shooting Brake ist eine Kombination aus sportlichem Coupé und geräumigem Kombi. Doch die schräge Heckscheibe ist so klein, dass durch den Rückspiegel wenig zu sehen ist.
Gut, dass der Spiegel auch zum Monitor werden kann und das weiträumige Kamerabild zeigt. Unser Testwagen hat auch Kameras statt Außenspiegel. Die beiden Bildausschnitte werden mit Wischbewegungen auf dem Monitor auf der Fahrerseite festgelegt.
300 Flash-Charging-Stationen
Die Zweikammer-Luftfederung sowie die Doppelquerlenker-Aufhängung vorn und die Fünflenker-Aufhängung an der Heckachse ermöglichen eine ruhige Fahrt über die Autobahn. Im Boden ist im Cell-to-Body-Verfahren eine LFP-Batterie mit 122,49 kWh verbaut. Die zweite Generation der Blade-Batterie bietet besonders schnelles Laden.
Es ist so schnell, dass BYD eigene Ladestationen unter dem Namen Flash Charging aufbaut. Bis Ende des Jahres sollen 300 Stationen in Deutschland und 3.000 in Europa entstehen. Der chinesische Hersteller wählt zunächst eigene Händlerstandorte sowie vorhandene Ladeparks aus, wo der notwendige Netzanschluss vorhanden ist, denn die Blade-Batterie von BYD nimmt bis zu 1.500 kW Ladeleistung auf. Die Formel des Herstellers lautet: Bereit in 5. Voll in 9. Bei Kälte +3.

In neun Minuten vollgeladen
Die Ingenieure haben nach Unternehmensangaben bei der zweiten Generation der Blade-Batterie eine höhere Leitfähigkeit der Ionen realisiert. Hinzu kommen ein geringerer Innenwiderstand sowie eine reduzierte Wärmeentwicklung. Von 10 auf 70 Prozent der Batteriekapazität dauert es fünf Minuten. In neun Minuten geht es von 10 auf 97 Prozent. Im Winter kommen bei bis zu -30 Grad drei Minuten hinzu. Allerdings ist bei den zwölf Minuten ein Ladehub von 20 bis 97 Prozent gemeint.
Für Denza-Kunden ist das Flash Charging in den ersten zwölf Monaten kostenlos. In Deutschland wird die Ladeleistung bei maximal 1.000 kW liegen. BYD erreicht die hohe Ladeleistung durch eine Kombination von Netzanschluss und Speicherbatterie. In China liegt der Netzanschluss bei 200 kW. Der wird voll ausgenutzt, bevor Energie aus Speicherbatterien hinzukommt.
Jeder Block verfügt über 186 kW Speicherleistung. Je nach Stationsgröße werden mehrere Blöcke kombiniert. Bei einem Besuch einer Flash-Charging-Station in Shenzhen fällt zuerst die durchdachte Nutzbarkeit ins Auge. Die Ladestecker hängen an T-förmigen Trägern.
Über eine Schiene lässt sich das Kabel auf die linke oder rechte Fahrzeugseite ziehen. Fällt der Stecker herunter, berührt er nicht den Boden. Die Hängekonstruktion nimmt den Großteil des Gewichts der flüssigkeitsgekühlten Kabel samt Stecker auf. Der Monitor an der Station zeigt keine Ladeleistung, sondern nur den prozentualen Ladezustand (SoC).
600 km Reichweite
In Deutschland gibt es noch keine Flash-Charging-Station. Unseren Testwagen haben wir mit 96 Prozent SoC übernommen. Damit lohnt es sich nicht, an eine 400-kW-Ladestation zu fahren. Laut Hersteller soll der Denza Z9 GT bis 90 Prozent SoC die volle Ladeleistung aus einem HPC-Lader beziehen.
Die Überprüfung verschieben wir auf eine ausführliche Testfahrt. Mit voller Batterie soll der Z9 GT bis zu 600 km (WLTP) weit kommen. Rechnerisch ist das ein Verbrauch von 20,42 kWh auf 100 km.

Sechsstelliges Preisschild
Preislich startet der elektrische Z9 GT bei 117.500 Euro. Denza bietet auch eine Plug-in-Hybrid-Variante an, die ab 103.500 Euro beginnt. Im Laufe des Jahres soll noch eine batterieelektrische Version mit Heckantrieb und 800 km Reichweite folgen. Die Preise gelten für die Vollausstattung. Zusätzlich lassen sich nur die Kamera-Außenspiegel (1.600 Euro) sowie 21- statt 20-Zoll-Reifen (2.500 Euro) auswählen. Damit bewegt sich Denza selbstbewusst in der Preisregion eines Porsche Taycan.
Komfortausstattung
Auf Wunsch öffnen und schließen die Türen elektrisch. Die verstellbaren Vordersitze bieten Lüftung, Heizung sowie Massage. Die Rücklehne hinten lässt sich zweigeteilt elektrisch nach hinten verstellen.
Auch hier führen Lüftung, Heizung und Massagefunktion zu komfortablem Reisen. Im Fonds haben Passagiere viel Beinfreiheit und können für mehr Komfort eine Beinauflage ausfahren. Die Liegeposition ermöglicht einen guten Blick nach oben durch das zweigeteilte Panoramaglasdach. Im Dach ist für die beiden hinteren Plätze noch jeweils ein beleuchteter Schminkspiegel zum Ausklappen untergebracht.

Mikrofon für Karaoke
Für guten Sound sorgen 20 Lautsprecher mit 1.150 Watt Leistung vom französischen Anbieter Devialet. Drei versenkte Lautsprecher fahren beim Einschalten aus dem Armaturenbrett heraus. Für musikalischen Zeitvertreib sorgt eine Karaoke-Funktion. Dafür ist ein kabelloses Mikrofon im Handschuhfach untergebracht.
Der Beifahrer wählt die gewünschten Lieder auf einem eigenen 13,2-Zoll-Bildschirm aus, den der Fahrer nicht einsehen kann. Währenddessen laden zwei Smartphones induktiv mit jeweils 50 Watt. Das Staufach in der Mittelkonsole kühlt Getränke bis -6 °C oder erwärmt mitgebrachtes Essen auf bis zu 45 °C.
Deutscher Designer
„Unser Gesamtpaket und die Designsprache sind sehr europäisch“, sagt BYD-Deutschland-Chef Lars Bialkowski im Gespräch mit Golem. „In fünf Jahren wollen wir als europäischer Anbieter wahrgenommen werden.“ Der Denza Z9 GT dürfte tatsächlich europäische Vorlieben bedienen, da mit Wolfgang Egger ein Deutscher am Werk war. Der langjährige Designer bei Alfa Romeo, Lancia und Seat ist seit 2026 Chefdesigner bei BYD.

In Deutschland macht der Z9 GT den Auftakt für die Marke mit dem blauen Tropfen im Logo. Es folgen mit dem D9 ein luxuriöser Van und mit dem Bao ein Offroad-SUV. Das Auto wird in China unter der BYD-Marke Fang Cheng Bao verkauft. Doch in Deutschland will man das Klientel nicht mit einer dritten Marke verwirren. Denza-Verkaufsdirektor Klaus Hartmann will in Deutschland bis Ende des Jahres insgesamt acht Modelle einführen.
Dichtes Vertriebsnetz
Nach Nio ist Denza eine weitere chinesische Marke, die ihr Glück in der preislichen Oberklasse versucht. Die Zulassungen liegen bei Nio laut Kraftfahrtbundesamt in den ersten vier Monaten des Jahres bei neun Fahrzeugen. „Nio hat es versäumt, ein durchgehendes Aftersales-Netzwerk aufzubauen“, sagt Klaus Hartmann, der zuvor für Ineos und Mercedes-Benz im Vertrieb tätig war. Denza plant, bis Jahresende 40 Vertriebs- und 80 Servicestandorte in Deutschland zu betreiben.
Drei-Zentimeter-Hindernis
In Hamburg hat gerade der erste Denza-Store eröffnet. Es folgen Berlin, Frankfurt, Köln und Düsseldorf. Bei unserer Rückkehr zum Denza-Store in der Hamburger Innenstadt ist vor der Tür ein Parkplatz parallel zur Fahrbahn frei.
Wir nutzen den Parkassistenten, der den Wagen mit der Front schräg in die Lücke fährt. Dann blockieren die Vorderräder und die entgegengesetzt rotierenden Hinterräder sollen den Wagen seitlich in die Lücke ziehen. Leider bricht das Manöver auf halbem Weg ab.
Zwischen Fahrbahn und Parklücke liegen drei Zentimeter Höhenunterschied. Über dieses Hindernis will der Z9 GT nicht hinweg. Mit dem Angeben vor dem Laden wird es also nichts, wir müssen im zweiten Anlauf klassisch einparken.

