
Die vier E-Autos der Volkswagen Urban Car Family werden in Spanien gebaut. VW-Chef Blume will so gegen die Konkurrenz aus China bestehen.
VW-Chef Oliver Blume liest in fließendem Spanisch seine Rede vom Teleprompter ab. Fünf Jahre war er Leiter der Planung im Seat-Cupra-Werk in Martorell bei Barcelona. An diesem Tag steht er zusammen mit Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez am Ende der Fertigungsstraße. Beide betonen in ihren Reden, wie wichtig dieser Tag sowohl für das Land als auch für den Autohersteller ist. Spanien sei ein Zentrum der Elektromobilität für den Autokonzern, erklärt Blume.
Spanien ist nach Deutschland der zweitgrößte europäische Standort der Autoproduktion. Weltweit liegt das Land auf Platz acht. Diese Position wird mit dem Produktionsstart von VW ID.Polo und Cupra Ravalgefestigt. Dazu modernisierte der Konzern die Batteriemontage sowie die Fertigungslinie Eins. Jetzt können dort täglich bis zu 1.260 E-Autos im Zwei-Schicht-Betrieb vom Band rollen.

Produktion des ID.Polo gestartet
Die beiden Modelle sind der Auftakt für die VW Urban Car Family. Es folgen der VW ID.Cross und der Skoda Epiq. Diese werden demnächst im Werk Navarra bei Pamplona gefertigt. Das Produktionsdreieck im Nordosten des Landes komplettiert das Werk Sagunto bei Valencia.
Dort nimmt voraussichtlich im kommenden Jahr die Powerco die Produktion der Batteriezellen auf. Das erfolgt, sobald das Werk in Salzgitter richtig hochgelaufen ist. Die Leitung des Gesamtprojekts ist bei Cupra gebündelt. Das Unternehmen trägt die Verantwortung für die Weiterentwicklung und Produktion der E-Autos.
Gegengewicht zum chinesischen Wettbewerb
„Insgesamt investieren wir zehn Milliarden Euro in Spanien“, sagte Blume im Gespräch mit Golem. Mit dem Investment will er die Wettbewerber aus China auf Abstand halten. Vier Modelle auf einer Plattform schaffen Skaleneffekte und senken Stückkosten.
Die Einstiegsmodelle nutzen die Plattform MEB Entry, die intern MEB 21 heißt. Sie ist Teil der Plattform-Weiterentwicklung MEB+. Das Besondere sind ein Frontantrieb und eine günstigere LFP-Batterie. So schafft VW Einstiegspreise ab 25.000 Euro. Doch zum Start sind zunächst der teurere Cupra Raval Endurance (ab 31.790 Euro) und der ID.Polo Life (ab 33.795 Euro) mit der größeren 52 kWh NMC-Zellchemie bestellbar.

Lücke bei Hybridantrieben
Für einen noch günstigeren Einstieg in die Elektromobilität plant Volkswagen den ID.Every1. Das E-Auto, dessen finaler Name noch nicht bekannt ist, soll ab 20.000 Euro angeboten werden. Der Kleinwagen läuft ab 2027 im portugiesischen Werk Palmela vom Band.
Noch halten Strafzölle chinesische Wettbewerber in der EU preislich auf Abstand. Doch wollen sie die Zahlung mit einer Fertigung in Europa umgehen. Premier Sánchez wirbt aktiv um weitere Ansiedlungen in seinem Land. Leapmotor fertigt im Stellantis-Werk in Saragossa. Chery (Omoda/Jaecoo) übernahm ein Werk von Nissan bei Barcelona. BAIC montiert Geländewagen in Südspanien bei Santana. MG (SAIC) kündigte kürzlich ein Werk im nordspanischen Galizien an.
„Wir haben nichts gegen Wettbewerb. Er treibt Innovationen und ist gut für Kunden“, sagte Blume. Sein Konzern habe bereits in China bewiesen, dass man mit den gleichen Energie- und Lohnkosten mit den Preisen heimischer Hersteller mithalten könne. Auch in Europa müssten identische Bedingungen für alle gelten, sagte Blume. Noch sieht er eine Lücke bei Hybridantrieben. Diese werden zu geringeren Kosten in China produziert und ohne Strafzölle nach Europa gebracht.
5 statt 150 Lenkräder bei Audi
Neue Automarken bedeuten mehr Wettbewerb und eine Umverteilung von Umsatz. Volkswagen kämpft mit Überkapazitäten. Die Produktion soll von zwölf auf neun Millionen Fahrzeuge sinken. Die Kapazitäten für jeweils eine Million Autos seien bereits in Deutschland sowie in China abgebaut worden, sagte Blume. Nun stehen noch jeweils 500.000 Stück in beiden Regionen aus.
Gleichzeitig muss die interne Kostenstruktur angepasst werden, um eine Umsatzrendite zwischen acht und zehn Prozent zu erreichen. Das will Blume mit Stellenabbau und Senkung der Overhead-Kosten erreichen. Das Produktportfolio von Volkswagen wird gestrafft und die Vielfalt der Bestelloptionen reduziert. Als Beispiel nannte Blume die Reduktion von 150 auf 5 Lenkradoptionen bei Audi.

Panzer statt Pkw?
Vom (Teil-)Verkauf einzelner VW-Werke an chinesische Autohersteller war bereits in Medien zu lesen. Blume betonte jedoch: „Es finden keine Gespräche statt.“ Bekannt ist, dass sich ein israelisches Rüstungsunternehmen für das Werk in Osnabrück interessiere. Dieser Weg ist auch in Spanien eine Option. „Die spanische Regierung hat uns gefragt, ob wir bei Verteidigungsprojekten mitwirken könnten“, sagte Seat-Cupra-CEO Markus Haupt, „doch noch ist nichts spruchreif.“
Nischenprodukte abseits des Autos?
Weiteres Wachstum will Blume in Nordamerika mit Scout erzielen. Die neu aufgelegte Marke produziert demnächst elektrifizierte Pick-up-Trucks. In Europa will Blume durch neue Produkte, die in chinesischen VW-Werken hergestellt werden, weiter wachsen. „Das könnte in Segmenten erfolgen, in denen VW aktuell nicht vertreten ist“, sagte er. Allerdings führte er nicht aus, ob es sich um Automobile oder andere Produkte handele. Bei der breiten Angebotspalette an VW-Fahrzeugen bestehen aum freie Nischen.
Eine Parität der Herstellungskosten von Autos mit Verbrennungsmotor und Elektromotor will Blume bis Ende der Dekade erreichen. Dabei spielt das Angebot günstigerer LFP-Batterien eine Rolle. Noch wichtiger seien jedoch die Entwicklungskosten für Software. „Im Vergleich zwischen Start und unserer aktuellen Architektur, haben wir die Kosten um 80 Prozent gesenkt“, sagte Blume.
Eine Kostenparität sei frühestens mit der Scalable Systems Platform (SSP) möglich. Die Softwarearchitektur lasse sich flexibel an Fahrzeugklassen anpassen. Ein ID.Every1 werde beispielsweise mit einem Zentralrechner sowie einem Zonenrechner, der alle Funktionen bündelt, ausgestattet. Premiumfahrzeuge von Porsche oder Scout erhielten neben dem Zentralrechner drei Zonencomputer. Das ermögliche mehr als komplexere Funktionen im Fahrzeug.

Blume: Stromkosten bremsen Nachfrage nach E-Autos
Mit Blick auf den Cupra Tindaya, der auf der SSP-Plattform kommen wird, ließ Blume offen, ob das Performance-SUV ausschließlich mit elektrischem Antrieb oder auch mit einem Verbrennungsmotor kommen werde.
Mit der Urban Car Family sowie der staatlichen E-Auto-Förderung erhofft sich Volkswagen weiteren Schwung für die Elektromobilität in Deutschland.
Gefragt nach Gründen, warum Kunden noch immer beim Umstieg zögerten, antwortete Blume: „Die öffentliche Ladeinfrastruktur in Städten muss besser werden, beispielsweise auf Supermarktparkplätzen und an Tankstellen. Außerdem ist der Preis für Strom derzeit zu hoch.“
Die staatliche Förderung liefere sicherlich kurzfristig Impulse, ist in seinen Augen aber kein nachhaltiger Anreiz. „In China stieg die Verbreitung ab einem Wendepunkt spürbar an. Dieser Wendepunkt könnte jetzt in Europa erreicht sein“, sagte Blume. Bei einer Sache ist sich der Konzernchef sehr sicher: „Wer einmal elektrisch gefahren ist, kehrt nicht mehr zurück.“


